Zerfall und Wiederzusammensetzung

Von den "Les momies de Palerme" bis zu den "St. Michael-Mumien"

Den Bildern Ernst Zdrahals aus dem Zyklus "Die Mumien von Palermo" liegen Fotoarbeiten des Kubaners Jesse Fernandez zugrunde. In dem Fotoband "Les momies de Palerme" - erschienen 1980 im Verlag Editions du Chêne - entdeckte der Künstler die beeindruckenden und zugleich irritierenden Fotos mumifizierter Menschen. Die Abbildungen zeigen Frauen und Kinder, Ärzte, Priester und Künstler, zum Teil noch zurückreichend bis in das 16. Jhdt. Das Thema Tod, festgehalten in den einzigartigen Fotografien, inspirierte ihn zu diesem und späteren Bilderzyklen.

Schon 1980 legt Ernst Zdrahal die ersten Arbeiten zum Thema Mumien vor. In dieser frühen Schaffensperiode liegt der künstlerische Schwerpunkt auf der zeichnerischen Umsetzung des Themas. In ersten Ansätzen zeigen sich aber schon Flächen und Verwischungen mit den für sein späteres Werk typischen Ölfarben. Die Farben sind noch sehr sparsam und gedämpft eingesetzt, lassen jedoch schon die für den Künstler charakteristische Technik erkennen. Die meist detailliert ausgearbeiteten Schädel oder Köpfe stehen im Gegensatz zu den oft verwischten Gewändern, Händen oder Körpern. Das erzeugt Spannung - verleiht den Arbeiten aber gleichzeitig Leichtigkeit, fast schon eine Art Lebendigkeit.

Ernst Zdrahals neuen Arbeiten möchte ich eines seiner Zitate voranstellen: "Meine neuen Bilder sind eine Art Wiederzusammensetzung und doch sollen sie gleichzeitig den Zerfall spürbar machen." Mittels seiner einzigartigen Mischtechnik - eine Kombination aus Zeichnung, Malerei, dem Einsatz von Schablonen und dem Auftrag mehrerer Malschichten - entstehen Bilder, die den BetrachterInnen seine Intention auf eindrucksvolle Weise vermitteln. Mit kräftigen Farben, großen Farbflächen, durchbrochen von dunklen Linien, teilweise in feine Verästelungen auslaufend, erzielt der Künstler das gewünschte Ergebnis. Mumifizierte Menschen, in Ausdruck und Haltung individuell wie im Leben - Ernst Zdrahal scheint tatsächlich eine Wiederzusammensetzung gelungen zu sein. Es hat den Anschein, der dargestellte Arzt, Priester oder Künstler hätte für das Bild posiert. Der immer wieder aufscheinende Schatten verstärkt diesen Eindruck noch. Wären da nicht die Köpfe mit ihren dunklen, tiefen Augenhöhlen oder die manchmal weit geöffnete Mundhöhle - dann ist Zerfall spürbar.

Michael Diessner, artonline.at